Einleitung
Wer zum ersten Mal einen Fledermausdetektor einschaltet und die Nacht plötzlich lebendig wird, erlebt einen unvergesslichen Moment. Das schnelle, rhythmische Klicken und Zwitschern, das aus dem Lautsprecher kommt, enthüllt eine verborgene Welt – die Ultraschallrufe der Fledermäuse, die für unsere Ohren sonst unhörbar wären. Es fühlt sich an, als würde man einem geheimen Gespräch lauschen.
Doch diese scheinbare Einfachheit ist trügerisch. Experten warnen, dass die Interpretation dieser Daten voller Fallstricke steckt und ein tiefes Fachwissen erfordert. Es ist ein entscheidender Unterschied, ob man die Rufe der Fledermäuse nur hört oder wirklich versteht, was die Daten bedeuten. Dieser Artikel führt Sie auf einer Reise vom einfachen Lauschen zum tieferen Verständnis und beleuchtet die fünf überraschendsten Erkenntnisse, die jeder kennen sollte, der mit Fledermausdetektoren arbeitet.
1. Mehr Aufnahmen bedeuten nicht mehr Fledermäuse
Es ist der naheliegendste Trugschluss: Viele Aufnahmen müssen doch bedeuten, dass viele Fledermäuse unterwegs sind. Doch diese Annahme ist fundamental falsch. Die Anzahl der aufgezeichneten Rufsequenzen korreliert nicht direkt mit der Anzahl der Individuen.
Ein prägnantes Beispiel macht dies deutlich: Eine Horchbox, die über Nacht 1.000 Aufnahmen einer Zwergfledermaus aufzeichnet, könnte die Rufe einer einzigen Fledermaus erfasst haben, die immer wieder an der gleichen Hecke auf und ab patrouilliert. Genauso gut könnten es aber auch 1.000 einzelne Tiere gewesen sein, die auf ihrem Weg von A nach B am Detektor vorbeigeflogen sind.
Die Kernproblematik lässt sich wie folgt zusammenfassen:
"Akustische Erfassung unterscheidet nicht zwischen Individuen. ... => keine Aussage zur Populationsgröße und lokalen Population möglich, da nicht bekannt ist, von wie vielen Tieren die gemessene Aktivität stammt."
Diese Unterscheidung ist von entscheidender Bedeutung. Für wissenschaftliche Gutachten oder Maßnahmen im Naturschutz macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man es mit einem einzelnen, sehr aktiven Tier zu tun hat oder mit einer großen Population, die ein Gebiet durchquert. Selbst wenn man also eine große Menge an Aktivität feststellt, stellt sich die Frage, von welchen Arten sie überhaupt stammt – und wie sich herausstellt, werden nicht alle gleich gut erfasst.
2. Nicht alle Fledermäuse sind gleich laut (oder leicht zu entdecken)
Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass ein Fledermausdetektor alle Fledermäuse in der Umgebung gleichermaßen erfasst. Tatsächlich gibt es enorme Unterschiede in der Ruflautstärke zwischen den Arten, was ihre Erfassbarkeit drastisch beeinflusst. Man unterscheidet zwischen "lauten" und "leisen" Rufern.
Diese Unterschiede hängen eng mit der Jagdstrategie und dem Lebensraum der Tiere zusammen. Ein Großer Abendsegler, der im freien Luftraum jagt, muss weit hören und ruft daher mit einer beeindruckenden Lautstärke von 120 bis 130 Dezibel. Im Gegensatz dazu ruft ein Braunes Langohr, das seine Beute direkt von Blättern sammelt, in der dichten Vegetation mit nur leisen 75 bis 80 Dezibel, um nicht von den Echos der nahen Blätter "überwältigt" zu werden.
Diese Unterschiede in der Lautstärke führen zu dramatischen Unterschieden in der Reichweite, in der ein Detektor die Rufe erfassen kann. Während eine sehr laute Art wie die Europäische Bulldoggfledermaus (Tadarida teniotis) aus bis zu 150 Metern Entfernung aufgenommen werden kann, beträgt die Erfassungsreichweite für eine sehr leise Art wie die Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros) oft nur 5 Meter.
Die Konsequenz ist gravierend: In einem Waldstück könnten Sie von mehreren Langohren umgeben sein, ohne dass Ihr Detektor sie erfasst, während er mühelos den Ruf eines einzelnen Abendseglers aus großer Entfernung aufzeichnet. Aber selbst wenn eine Fledermaus laut genug ist, gibt es einen weiteren unsichtbaren Filter, der entscheidet, ob Sie sie überhaupt hören: die Luft selbst.
3. Das Wetter entscheidet mit, was Sie hören
Selbst wenn eine Fledermaus ruft, bedeutet das nicht, dass ihr Ruf den Detektor unverändert erreicht. Die Luft selbst wirkt wie ein Filter, der den Schall auf seinem Weg dämpft – ein Phänomen, das als atmosphärische Dämpfung bekannt ist. Einfach gesagt: Die Luft "schluckt" einen Teil der Schallenergie.
Wie stark dieser Effekt ist, hängt von der Frequenz des Rufs, der Lufttemperatur und der Luftfeuchtigkeit ab. Besonders relevant ist dies für die extrem hohen Frequenzen, wie sie beispielsweise bei den Startfrequenzen von Myotis-Arten vorkommen. Unter bestimmten Bedingungen kann sich der Schalldruck einer solch hohen Frequenz schon nach einem einzigen Meter halbiert haben.
Das bedeutet, dass Aufnahmen aus einer kühlen, feuchten Nacht nicht direkt mit denen aus einer warmen, trockenen Nacht vergleichbar sind. Das Wetter ist ein entscheidender Faktor, der die Erfassungsreichweite bestimmt und somit das Ergebnis einer akustischen Erfassung maßgeblich beeinflusst. Diese physikalischen Gegebenheiten beeinflussen jede Aufnahme, doch die Art und Weise, wie Ihr Gerät diese Signale verarbeitet, fügt eine weitere Ebene der Komplexität hinzu.
4. Ihr Gerät ist nicht wie mein Gerät: Das Problem der Vergleichbarkeit
Sie haben mit Ihrem Detektor an einem Standort 50 Aufnahmen gesammelt, ein Kollege mit einem anderen Modell am gleichen Ort nur 20. Wer hat nun das "richtigere" Ergebnis? Die Antwort ist kompliziert, denn Daten von verschiedenen Detektormodellen sind kaum miteinander vergleichbar.
Das Problem liegt darin, dass Hersteller keine einheitliche Nomenklatur für wichtige Einstellungen wie die Signalverstärkung ("Gain") oder die Mikrofonempfindlichkeit verwenden. Exakt gleiche Einstellungen an Geräten verschiedener Hersteller sind daher praktisch unmöglich. Experten bewerten die Vergleichbarkeit von Daten aus unterschiedlichen Geräten daher mit "kaum bis nein".
Eine höhere Empfindlichkeit oder Verstärkung erhöht zwar die Reichweite des Detektors, verstärkt aber auch das Hintergrund- und Systemrauschen. Das Ergebnis sind mehr verrauschte Aufnahmen und unvollständige Ruffragmente. Dies verkompliziert nicht nur die manuelle Analyse, sondern erhöht auch das Risiko von Fehlbestimmungen durch automatische Software. Aus diesem Grund können Daten aus unterschiedlichen Projekten, die mit unterschiedlicher Hardware gesammelt wurden, nicht ohne Weiteres zusammengefügt oder verglichen werden, was uns zum letzten, kritischen Punkt bringt.
5. Automatische Artbestimmung ist keine Zauberei
Moderne Apps wie Echo Meter Touch oder professionelle Software wie BatDetect2 leisten Erstaunliches: Sie schlagen oft schon in Echtzeit eine mögliche Fledermausart vor. Diese technologischen Fortschritte sind eine enorme Hilfe und haben die Fledermauskunde für viele zugänglicher gemacht.
Dennoch ist hier Vorsicht geboten. Selbst die Hersteller warnen vor blindem Vertrauen in die Automatik. So heißt es in der Beschreibung der Echo Meter Touch App, dass keine automatische Identifizierung eine 100%ige Genauigkeit erzielen kann und nicht als Grundlage für wissenschaftliche Forschung dienen sollte. Auch die Entwickler von BatDetect2 empfehlen Nutzern dringend, die Modellergebnisse zu überprüfen: "Es wird nachdrücklich empfohlen, das Modell zuerst mit Daten bekannter Arten zu validieren, um sicherzustellen, dass den Ergebnissen vertraut werden kann."
Der Grund dafür liegt in den zuvor genannten Punkten: Atmosphärische Dämpfung (Punkt 3) und gerätespezifische Empfindlichkeit (Punkt 4) führen oft nur zur Aufzeichnung von Ruffragmenten, was das Risiko von Fehlbestimmungen durch die Software drastisch erhöht. Dies gilt insbesondere für Artengruppen wie die Myotis-Fledermäuse, deren Rufe so ähnlich sein können, dass selbst Experten eine sorgfältige Analyse benötigen, um sie zu unterscheiden – eine Herausforderung, an der automatisierte Software oft scheitert. Aus diesem Grund wurden Organisationen wie die Swiss Bat Bioacoustics Group (SBBG) gegründet. Ihr Ziel ist es, verbindliche Standards für die Auswertung zu entwickeln und Aufnahmen zu validieren, damit diese in nationale Datenbanken aufgenommen und für offizielle Umweltgutachten verwendet werden können.
Schlussfolgerung
Die akustische Fledermauserfassung ist ein unglaublich leistungsfähiges Werkzeug. Doch wir haben gesehen, dass die Anzahl der Dateien nicht die Anzahl der Fledermäuse widerspiegelt, dass die Lautstärke bestimmt, was wir überhaupt hören können, dass das Wetter ganze Nächte unvergleichbar machen kann, dass unsere eigene Ausrüstung isolierte Datensilos schafft und dass Software bestenfalls eine fundierte Vermutung ist.
Zusammengenommen zeichnet dies ein klares Bild: Die wahre Kunst liegt nicht nur im Aufnehmen, sondern im kritischen Verstehen der Daten und der Grenzen der Methode. Es geht nicht darum, die Technologie zu entwerten, sondern darum, sie klüger und informierter einzusetzen. Nur wenn wir uns der Fallstricke bewusst sind, können wir sicherstellen, dass die gewonnenen Daten zu richtigen und aussagekräftigen Schlussfolgerungen führen.
Wenn wir also das nächste Mal den geheimnisvollen Rufen der Nacht lauschen, sollten wir uns fragen: Was hören wir dann wirklich – und, was noch wichtiger ist, was entgeht uns möglicherweise?
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