Fledermäuse vs. Pestizide: Die biologische Luftabwehr in der Landwirtschaft

Die Allianz der Nacht: Was Fledermäuse wirklich für die Landwirtschaft leisten

Eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung liefert die Zahlen – und stellt unbequeme Fragen an die Agrarpolitik.

Es gibt Forschungsergebnisse, die man zweimal liest. Nicht weil sie schwer zu verstehen wären, sondern weil ihre Konsequenzen so eindeutig sind, dass man sich fragt, warum sie noch nicht überall ankommen. Eine solche Studie ist im November 2025 im Fachjournal Agriculture, Ecosystems and Environment erschienen – peer-reviewed, Open Access, zitierfähig. Und sie betrifft direkt das, was ich am Padersee Nacht für Nacht beobachte.

🇬🇧 English Summary: The Night Alliance – What Bats Really Do for Agriculture

A peer-reviewed study by Kelling et al. (2026) quantifies bat pest suppression services in agricultural landscapes.

Researchers at the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research (IZW) Berlin tracked 128 common noctule bats (Nyctalus noctula) using high-resolution GPS and analysed their diet via DNA metabarcoding. Key findings:

  • 23 % of all consumed insects were classified as pests (agricultural, silvicultural or nuisance)
  • 54 % of insects linked to arable land in the bat diet were pest species
  • Bats prey on the flying adult stage – preventing egg-laying before larvae can damage crops
  • Pest suppression depends critically on near-natural habitats (water bodies, hedgerows) adjacent to farmland

The conclusion is direct: eliminating structural diversity from agricultural landscapes does not just harm biodiversity — it dismantles a cost-free pest control system.


Die Studie: Was gemessen wurde

Marit Kelling und ein Team des IZW Berlin haben 128 Große Abendsegler (Nyctalus noctula) über drei Jahre mit hochauflösenden Radiosendern verfolgt und ihre Nahrung per DNA-Metabarcoding aus Kotproben bestimmt. Das Untersuchungsgebiet in Nordostdeutschland bestand zu über 95 % aus intensiv bewirtschaftetem Ackerland – eine Landschaft, wie sie in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder dem Münsterland typisch ist.

Das Ergebnis: 23 % aller im Kot nachgewiesenen Insektenarten waren Schädlinge – landwirtschaftliche Schädlinge, Forst-Schädlinge oder Lästlinge mit Krankheitsübertragungspotenzial. Und von allen Insekten, die eindeutig dem Ackerland-Habitat zuzuordnen waren, galten sogar mehr als 54 % als Schädlinge.

Was das bedeutet: Die Fledermäuse sind keine zufälligen Begleiterscheinungen der Agrarlandschaft. Sie sind ein aktiver, funktionierender Bestandteil des Schädlingsmanagements – in einer Region, in der kaum etwas anderes als Acker übrig geblieben ist.

Der entscheidende Mechanismus: Generationen früher

Was die Studie besonders aufschlussreich macht, ist der Blick auf wann Fledermäuse eingreifen. Als reine Fluginsektenjäger fressen sie ausschließlich die fliegenden Imagines – also den Maikäfer, den Maiszünsler-Falter, die Schnake – bevor diese Eier legen. Das bedeutet: Der Schutzeffekt wirkt eine volle Generation vor dem Schadstadium.

Chemische Pflanzenschutzmittel reagieren dagegen immer: Sie werden eingesetzt, wenn die Larven längst schlüpfen. Die Fledermaus unterbricht den Kreislauf eine Ebene früher – leise, präzise und ohne Kollateralschäden an Nützlingen.

Vergleich: Chemisch vs. Biologisch

Merkmal Chemische Pflanzenschutzmittel Biologische Schädlingskontrolle durch Fledermäuse
Eingriffszeitpunkt Reaktiv – nach dem Schlupf der Larven Präventiv – vor der Eiablage der Imagines
Selektivität Breit – trifft Nützlinge und Schädlinge Hoch – instinktgesteuerte Beutewahl
Resistenzentwicklung Bekanntes Problem – Teufelskreis der Dosissteigerung Evolutionär ausgeschlossen
Kosten Laufend (Einkauf, Ausbringung, Entsorgung) Strukturerhalt: Hecken, Gewässer, Quartiere
Langzeitwirkung Abbau der natürlichen Regulationsfähigkeit Stabilisierung des Agrarökosystems

Die unbequeme Erkenntnis: Es liegt nicht an den Fledermäusen

Die Studie liefert eine bemerkenswert klare Warnung: Die Abendsegler meiden Ackerland als Lebensraum – sie nutzen es nur, weil ihnen 95 % der Landschaft gar keine andere Wahl lässt. Ihre eigentlichen Energiequellen sind Gewässer, Feuchtwiesen und strukturreiche Säume. Nur wenn diese Habitate erhalten bleiben, können die Tiere überhaupt genug Energie aufnehmen, um gleichzeitig auf dem Acker zu jagen.

Der Kern des Problems: Wer die letzten Hecken, Tümpel und Gewässerrandstreifen aus der Agrarlandschaft entfernt, schaltet nicht nur ein Ökosystem ab – er schaltet seinen eigenen Schädlingsschutz ab. Die Fledermäuse verschwinden nicht, weil sie schwach wären. Sie verschwinden, weil wir die Tankstellen auf ihrer Route zugemacht haben.

Was wir in Deutschland tun – und was die Daten sagen

Kelling et al. zeigen mit ihren Tracking-Daten: Selbst in einer Landschaft, die zu über 95 % aus Intensivacker besteht, verbringen die Tiere rund 55 % ihrer Jagdzeit über Feldern. Sie leisten Arbeit – auch unter widrigen Bedingungen. Was sie brauchen, ist kein Schutzprogramm mit Hochglanzbroschüren. Sie brauchen Strukturen: ein Tümpel, ein Feldgehölz, ein ungespritzte Randstreifen.

Die wirtschaftlichen Zahlen sind dabei längst bekannt. Studien aus Nordamerika beziffern den Wert der Schädlingskontrolle durch Fledermäuse auf Milliarden Dollar jährlich. Für Deutschland fehlen entsprechende Gesamtrechnungen noch – was nicht bedeutet, dass der Wert nicht existiert, sondern nur, dass wir ihn noch nicht konsequent gemessen haben.

Die Deutsche Luftabwehr-Matrix: Wer schützt was?

Fledermausart Hauptgegner (Schädlinge) Nutzen für die Landwirtschaft
Großer Abendsegler Maiszünsler, Gamma-Eule, Maikäfer Schützt Mais- und Getreidekulturen; Schädlingsanteil in der Nahrung wissenschaftlich belegt (Kelling et al. 2026)
Zwergfledermaus Blattläuse, Zuckerrübenfliegen, Mücken Senkt den Insektizidbedarf in Rüben- und Gemüsekulturen
Braunes Langohr Apfelwickler, Frostspanner Wichtiger Partner im Obstbau – Jagd direkt in der Baumkrone
Wasserfledermaus Wiesenschnaken, Kriebelmücken Reduziert Stressfaktoren für Weidevieh, schützt Grünland

Wo der NEXUS ins Bild passt

Die Autoren der IZW-Studie weisen auf eine Lücke hin, die mir aus eigener Arbeit vertraut ist: Mikroklimatische Bedingungen und feine Habitatstrukturen wurden in ihrer Analyse nicht berücksichtigt – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil diese Daten im Freiland schwer zu erfassen sind. Genau hier setzt der NEXUS an.

Atmosphärische Dämpfung, Temperatur, Luftfeuchtigkeit – all das beeinflusst, ob eine Rufaufnahme zustande kommt oder nicht, ob ein Tier als „präsent" oder „abwesend" protokolliert wird. Wenn wir verstehen wollen, warum Fledermäuse an einem bestimmten Abend an einem bestimmten Ort jagen, müssen wir auch die physikalischen Bedingungen kennen, unter denen wir sie hören – oder eben nicht hören.

„Our data demonstrate that the pest consumption by bats on farmland benefit from adjacent near-natural areas where bats can find sufficient insects to meet their energy demands."
— Kelling et al. (2026), Agriculture, Ecosystems and Environment 397, 110101

Was bleibt

Die Studie ist kein Plädoyer gegen die Landwirtschaft. Sie ist ein Angebot: Hier ist das System, hier sind die Bedingungen, unter denen es funktioniert. Wer diese Bedingungen erhält – Gewässer, Hecken, Randstrukturen – bekommt einen Schädlingsschutz, den kein Labor der Welt nachbauen kann.

Die Frage ist nicht, ob wir uns das leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, darauf zu verzichten.

FLEDERMÄUSE SIND KEIN NATURSCHUTZPROBLEM.
SIE SIND EINE LANDWIRTSCHAFTLICHE RESSOURCE.

Kelling, M. et al. (2026): Pest suppression services of insectivorous bats in intensively managed arable land benefit from adjacent near-natural areas. Agriculture, Ecosystems and Environment 397, 110101. DOI: 10.1016/j.agee.2025.110101

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