Daten und Bilder vom 25.02.2026

Feldmessung am Padersee-Auslauf · 25. Februar 2026

Ein Abend an der Brücke – und 17.587 Fledermausrufe später weiß ich mehr.

Es war kurz vor halb fünf am Nachmittag, als ich mein Equipment auf der kleinen Aussichtsplattform am Padersee-Auslauf aufbaute. Noch war es hell, die Luft mild – knapp 13 °C. Kein schlechter Abend für Februar. Und ein guter Abend, um wieder einmal zu sehen, was wirklich los ist, wenn die Sonne untergeht.


Warum immer wieder Paderborn?

Paderborn ist für meine Forschung kein Zufall. Die Stadt liegt an der Pader – Deutschlands kürzestem Fluss, der aus mehreren Quellarmen entspringt und zu den am stärksten schüttenden Quellen Deutschlands zählt. Das Ergebnis ist eine wasserreiche Stadtlandschaft, die Fledermäusen ideale Bedingungen bietet: Viele Arten nutzen Gewässer als Jagdgebiete, wobei markante Landschaftselemente wie Fließgewässer und Gehölzbestände als Orientierungspunkte dienen.

Rund um den Padersee und entlang der Pader konnten bereits mehrere Fledermausarten nachgewiesen werden. Genau diese Artenvielfalt macht das Gebiet so interessant für systematische Langzeitmessungen – und ich komme immer wieder hierher, um verschiedene Standorte miteinander zu vergleichen und Veränderungen über die Saison zu dokumentieren.

Der Padersee-Auslauf ist dabei ein besonderer Punkt: Wasser, Gehölz, wenig Licht und eine natürliche Engstelle, die Insekten – und damit Fledermäuse – konzentriert. Wer hier steht, steht mitten im Jagdrevier.

Das ist meine komplette Ausrüstung für eine Messung



Das Equipment: NEXUS, Wetterstation und ein Wärmebild-Monokular

Was auf den ersten Blick nach viel Stahl und Kabel aussieht, hat eine klare Logik.

Das Herzstück ist der NEXUS – ein von mir entwickeltes Messsystem, das Ultraschallrufe von Fledermäusen aufzeichnet und gleichzeitig das Mikroklima am Messort erfasst. Im Inneren der transparenten Schutzbox arbeiten ein SEEED XIAO ESP32S3 sense als Recheneinheit, ein BME680-Sensor für Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und Luftqualität sowie ein AIR530-Mikrofon für die akustischen Frequenzbänder.

Der NEXUS - meine Entwicklung


TeensyBat - Der Ultraschall-Decoder zur Aufnahme von Fledermausrufen

Auf dem zweiten Stativ stand ein TS004-Wärmebildmonokular – damit lässt sich die Flugaktivität visuell beobachten und direkt mit den Akustikdaten verknüpfen. Wer schon einmal Fledermäuse im Wärmebild gesehen hat, weiß: Es ist jedes Mal faszinierend.
Topdon TS004 - Thermalkamera zur Aufnahme

Die Wetterstation SEN-15901 liefert Wind- und Niederschlagsdaten – hier auf einem separaten Mast montiert, zusammen mit dem NEXUS-Sensormodul. Das Foto kurz nach 18 Uhr zeigt beide Systeme als Silhouette gegen den letzten Abendhimmel: fast schon ein bisschen elegant für Feldforschung. 😄

Das komplette Rig - NEXUS plus Wetterstation



Was gemessen wurde

Von ca. 16:45 bis 19:10 Uhr lief die Aufzeichnung. In diesem Zeitfenster sank die Temperatur von 13 °C auf knapp unter 10 °C, während die relative Luftfeuchte stetig von ~71 % auf ~80 % anstieg – typisch für einen Abend über offenem Wasser. Der Luftdruck blieb stabil bei rund 1000 hPa, der Wind lag im Schnitt bei ~2 m/s.

Das NEXUS-Forschungs-Dashboard fasst das Wesentliche zusammen:

Die grauen Balken zeigen die Fledermausrufe pro Minute – und die erzählen eine klare Geschichte: Bis kurz nach 18:15 Uhr herrschte Ruhe. Dann begann die Aktivität zu steigen, und zwischen 18:30 und 19:05 Uhr explodierte sie förmlich – mit Spitzen von über 800 Rufen pro Minute. Das entspricht genau dem Moment, in dem die Temperatur die 10-°C-Grenze unterschritt und die Luftfeuchtigkeit deutlich anzog. Zufall? Vermutlich nicht.


Die Arten – KI-Schätzung, kein Urteil

Von 17.587 verifizierten Rufen entfielen 97,4 % auf die Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus). Sie ist in Mitteleuropa die häufigste Fledermausart und am Padersee-Auslauf offensichtlich der absolute Platzhirsch.

Alle Artbestimmungen in diesem Datensatz sind Schätzungen des KI-Modells BatDetect2 – einem neuronalen Netzwerk, das Ultraschallrufe anhand ihrer akustischen Merkmale klassifiziert. Das ist für die Massenauswertung von Tausenden Rufen in kurzer Zeit ein enormer Gewinn. Aber: Ein Algorithmus kennt kein Habitat.

Neben der dominanten Zwergfledermaus hat BatDetect2 u.a. folgende Arten geschätzt:

  • Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus) – 97,4 %, klar dominant
  • Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii) – plausibel
  • Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus) – plausibel
  • Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) – am Gewässer durchaus zu erwarten
  • Kleiner Abendsegler (Nyctalus leisleri) – möglich, bedarf Prüfung

Und dann gibt es zwei Einträge, bei denen ich sofort hellhörig werde:

  • Fransenfledermaus (Myotis nattereri) – in Paderborn nicht heimisch. Diese Art würde den Padersee-Auslauf niemals als Habitat nutzen.
  • Braunes Langohr (Plecotus auritus) – kommt zwar im Kreis Paderborn vor, aber nicht am offenen Gewässer. Hier am Padersee? Unwahrscheinlich.

Das sind klassische Fehlklassifikationen, die entstehen, wenn akustisch ähnliche Rufe in die falsche Schublade sortiert werden. Das ist kein Fehler des Systems, sondern seine bekannte Grenze: BatDetect2 liefert Wahrscheinlichkeiten, keine Bestimmungen. Deshalb gehört zur seriösen Auswertung immer der Blick auf das Habitat – und bei auffälligen oder unplausiblen Detektionen die manuelle Nachsicht der Rufe.

Die KI eröffnet mir erst die Möglichkeit, solche Datenmengen überhaupt zu sichten. Das letzte Wort bleibt beim Menschen.



Blick hinter die Kulissen: Mikroklima im Detail

Die Wetter-Übersicht zeigt, was hinter der einfachen Temperaturkurve steckt. Besonders interessant: der VOC-Sensor (Luftqualität), der von ~45 kΩ zu Beginn auf stabile ~115 kΩ anstieg – ein Zeichen für veränderte Luftzusammensetzung im Laufe des Abends, korrelierend mit der zunehmenden Feuchte über dem Wasser.

Auch die akustischen Frequenzbänder des AIR530 (20–110 kHz) zeigen eine stabile Hintergrundakustik, vor der sich die Fledermausrufe klar abheben – eine wichtige Grundlage für eine saubere Erkennung.



Fazit

Ein Februarabend, rund zwei Stunden Messung, fast 18.000 Rufe – und das war keine Ausnahmesituation, sondern ganz normale Feldforschung mit dem NEXUS an einem der besten Fledermaus-Standorte, die Paderborn zu bieten hat.

Die Kombination aus Mikroklima, Akustik und KI-gestützter Artidentifikation macht es möglich, solche Zusammenhänge sichtbar zu machen: wann Fledermäuse aktiv werden, bei welchen Bedingungen – und welche Arten sich wirklich am Standort aufhalten. Wobei das „wirklich" eben auch bedeutet: nachdenken, hinterfragen, im Zweifelsfall manuell nachsehen.

Für mich ist das Citizen Science in ihrer schönsten Form: draußen sein, messen, verstehen – und dabei ehrlich bleiben, was die Daten können und was nicht.


Messung: Padersee_Auslauf · 25.02.2026 · Datei: 25-02-26-2.csv System: NEXUS (SEEED XIAO ESP32S3, BME680, AIR530) + SEN-15901 Wetterstation Artklassifikation: BatDetect2 (KI-Schätzung, manuelle Validierung ausstehend)

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