🦇 Der Mythos Fledermaus 🦇

Warum Fledermäuse unseren Schutz – und keine Angst – verdienen

Bei meinen nächtlichen Messungen mit dem NEXUS-System geht es primär um Daten, Frequenzen und atmosphärische Dämpfung. Doch Naturschutz findet nicht nur am Mikrofon oder am Schreibtisch statt, sondern vor allem in den Köpfen der Menschen.

Vor Kurzem kam ich am Paderborner Marktplatz ins Gespräch mit Passanten. Es ging zunächst um die Wanderfalken, für deren Schutz ich mich jahrelang engagiert habe, und schließlich um Fledermäuse. Dabei wurde mir einmal mehr klar: Obwohl Fledermäuse zu den faszinierendsten und nützlichsten Säugetieren unserer Heimat gehören, halten sich jahrhundertealte Vorurteile extrem hartnäckig.

Zeit, mit den acht gängigsten Mythen sachlich aufzuräumen.

Mythos 1: „Fledermäuse verfangen sich in den Haaren!“

Die Realität: Wer nachts draußen unterwegs ist, erlebt es gelegentlich: Eine Fledermaus saust knapp am Kopf vorbei. Daraus entstand der Volksglaube, sie würden sich gezielt in menschlichen Haaren verfangen. Es kann zwar passieren, dass eine Fledermaus, die sich in einer Wohnung verirrt hat, in die Haare einer anwesenden Person gerät – das ist aber ein „Unfall“ und keine gezielte Attacke.

Fakt ist: Das Echolot-System der Fledermäuse ist eine physikalische Hochleistung. Sie orientieren sich mit Ultraschallrufen im Millisekundenbereich und erkennen selbst dünne Drähte oder einzelne Insekten im Flug mühelos. Wenn eine Fledermaus nah an uns vorbeifliegt, gilt ihr Interesse nicht unseren Haaren, sondern den Mücken und Nachtfaltern, die von unserer Körperwärme oder nahestehenden Straßenlaternen angelockt werden. Für Fledermäuse sind wir schlicht ein lokaler Insekten-Hotspot.

Mythos 2: „Das sind blutrünstige Vampire!“

Die Realität: Das Bild der blutsaugenden Kreatur ist ein reines Erzeugnis der Schauerliteratur und Hollywood-Filme.

Fakt ist: Von weltweit über 1.400 Fledermausarten ernähren sich exakt drei winzige Arten in Lateinamerika von Blut (vorrangig von Vieh). Alle 25 in Deutschland heimischen Fledermausarten sind reine Insektenfresser. Eine einzige Fledermaus vertilgt pro Nacht Tausende Mücken, Käfer und Forstschädlinge. Sie sind damit ein unverzichtbarer, natürlicher Schädlingsbekämpfer für unsere Ökosysteme und die Landwirtschaft.

Mythos 3: „Fledermäuse übertragen gefährliche Viren wie Corona auf uns!“

Die Realität: Seit der Pandemie haftet Fledermäusen oft das Stigma von „gefährlichen Virenschleudern“ an.

Fakt ist: Es stimmt, dass Fledermäuse ein außergewöhnliches Immunsystem besitzen und Träger verschiedener Viren sein können. Eine Übertragung auf den Menschen (sogenannte Zoonosen) passiert jedoch keinesfalls dadurch, dass eine Fledermaus durch die Nacht fliegt oder in der Scheune nistet.

Ein solches Überspringen von Viren geschieht dort, wo der Mensch tief in intakte Ökosysteme eingreift – durch Zerstörung von Lebensräumen, das Fangen und Transportieren von Wildtieren, die Enge und den Stress auf Märkten sowie den Verzehr von Wildtieren. Solange wir die Tiere in Ruhe lassen und ihren Lebensraum achten, geht von heimischen Fledermäusen für Anwohner und Spaziergänger keinerlei Ansteckungsgefahr aus.

Mythos 4: „Fledermäuse sind blind!“

Die Realität: Die Redewendung „blind wie eine Fledermaus“ hält sich hartnäckig im Sprachgebrauch.

Fakt ist: Alle Fledermäuse können sehen, einige Arten sogar erstaunlich gut. Die Echoortung ist keine Ersatz-, sondern eine Ergänzungsleistung: Sie liefert im nächtlichen Beuteflug die präzisen Nahbereichsdaten, die das Auge in völliger Dunkelheit nicht liefern kann. Für die Orientierung über größere Distanzen, etwa beim Jahreszeitenwechsel zwischen Sommer- und Winterquartier, verlassen sich viele Arten ausdrücklich auf ihre Augen.

Mythos 5: „Fledermäuse sind geflügelte Mäuse!“

Die Realität: Der Name suggeriert eine Verwandtschaft mit Nagetieren.

Fakt ist: Fledermäuse bilden eine eigene Säugetierordnung (Chiroptera, „Handflügler“). Evolutiv sind sie näher mit Wölfen und Walen verwandt als mit der Hausmaus. Ihre Flügel sind zudem keine Konstruktion aus Federn, sondern umgewandelte Hände: Die langen Finger tragen eine Flughaut. Mit über 1.400 Arten zählen sie zudem zu den artenreichsten Säugetierordnungen überhaupt – jede vierte Säugetierart ist eine Fledermaus.

Mythos 6: „Fledermäuse fressen unser Obst und Gemüse!“

Die Realität: Mancher Gartenbesitzer fürchtet um seine Ernte.

Fakt ist: Alle 25 in Deutschland heimischen Arten sind reine Insektenfresser – sie schädigen weder Obstbäume noch Gemüsebeete. Weltweit gibt es zwar fruchtfressende Arten, doch diese sind eher Nutznießer als Schädlinge: Fledermäuse bestäuben unterwegs Bananen, Mangos, Agaven und über 500 weitere Pflanzenarten. Wer in den Tropen einen Tequila trinkt, verdankt das einer fledermausbestäubten Agave.

Mythos 7: „Fledermäuse überwintern alle in Höhlen!“

Die Realität: Das klassische Bild des Winterschlafs in dunklen Höhlen entspricht nur einem Ausschnitt der Wirklichkeit.

Fakt ist: Die Mehrzahl unserer heimischen Arten überwintert in Baumspalten, hinter Baumrinde, in Fassaden, Dachstühlen oder Brückenhohlräumen. Für uns bedeutet das: Die Tiere leben näher, als viele denken – und Winterquartiere brauchen ebenfalls unseren Respekt. Wer eine Fledermaus im Winterschlaf entdeckt, sollte sie auf keinen Fall berühren oder aufwecken: Jedes unnötige Erwachen verbrennt lebenswichtige Energiereserven, an denen die Tiere bis zum Frühjahr hängen.

Mythos 8: „Ein Fledermauskontakt bedeutet Tollwutgefahr!“

Die Realität: Insbesondere nach dem Zoonosen-Thema der Pandemie fragen viele Menschen besorgt nach der Tollwut.

Fakt ist: Einzelne europäische Fledermausarten können das Europäische Fledermaus-Lyssavirus (EBL-1 und EBL-2) tragen; Übertragungen auf Menschen sind in Mitteleuropa jedoch extrem selten. Die klaren Regeln lauten: Fledermäuse niemals mit bloßen Händen anfassen, Funde eines verhaltensauffälligen oder verletzten Tieres der örtlichen Fledermaus- oder Naturschutzstelle melden und im seltenen Falle eines Bisses oder Kratzers ärztlichen Rat einholen. Wer diese Regeln beachtet, geht kein nennenswertes Risiko ein – und die Tiere bleiben unbehelligt.

Warum wir Fledermäuse schützen müssen: Unersetzliche Helfer der Nacht

Fledermäuse sind weit mehr als nur schützenswerte Geschöpfe – sie sind kritische Säulen funktionierender Ökosysteme und erbringen Leistungen, die für uns Menschen unbezahlbar sind.

Als einzige flugfähigen, nachtaktiven Insektenjäger unter den Säugetieren besetzen sie eine ökologische Nische, die tagsüber von Vögeln abgedeckt wird. Pro Nacht nimmt eine Fledermaus bis zu ein Drittel ihres eigenen Körpergewichts an Insekten auf. Rechnet man das auf eine ganze Kolonie hoch, werden pro Saison Tonnen von Insekten vertilgt:

  • In der Landwirtschaft: Sie erbeuten Falter und Larven von Schädlingen (wie dem Maiszünsler oder Eulenfalter), die sonst ganze Ernten vernichten würden. Sie sparen damit weltweit Milliardenbeträge an chemischen Pestiziden ein.

  • In Wäldern und in der Forstwirtschaft: Sie erbeuten Nachtfalter und andere Schadinsekten und tragen maßgeblich zur Gesundheit geschädigter Wälder bei.

  • In Städten und Siedlungen: Sie regulieren Mückenpopulationen und andere nachtaktive Insekten im urbanen Raum und sorgen ganz natürlich für ein biologisches Gleichgewicht direkt vor unserer Haustür.

Streng geschützt – auch nach Gesetz

Der Schutz der Fledermäuse ist keine freiwillige Kulanz, sondern geltendes Recht: Alle 25 heimischen Arten stehen in Deutschland unter strengem Schutz (Bundesnaturschutzgesetz, FFH-Richtlinie, Eurobats-Abkommen). Wer Tiere stört, Quartiere zerstört oder verletzt, macht sich strafbar – ein Argument, das im Gespräch mit Hauseigentümern und Bauherren oft überrascht.

Gerade die gebäudebewohnenden Arten wie Breitflügel-, Zwerg- oder Nordfledermaus leben uns Menschen am nächsten – und verlieren durch Sanierungen, Fassadenarbeiten und Gebäudeabbrüche am meisten. Jede Baumaßnahme ist für sie ein potenzieller Verlust des Zuhauses. Dabei sind praktikable Lösungen vorhanden: Sanierungen außerhalb der Aktivitätszeit, der Erhalt von Einflugöffnungen und Ersatzquartiere schaffen lassen sich gut planen.

Indikatoren intakter Landschaften

Fledermausbestände spiegeln die Qualität ganzer Lebensräume wider: Insektenreichtum, Strukturvielfalt und vernetzte Flugwege. Ein stiller Sommer an Rufen ist ein Frühwarnsignal für die Umgebung – und hier schließt sich der Kreis zum NEXUS-Projekt: Bioakustisches Monitoring ist selbst ein Instrument, um die Gesundheit eines Ökosystems messbar zu machen.

Dass Fledermäuse zugleich Samenverbreiter und Bestäuber sind und ihr Guano ganze Höhlenlebensgemeinschaften trägt, zeigt: Sie nehmen in mehreren Nahrungsnetzen gleichzeitig eine Schlüsselrolle ein.

Modellorganismen der Wissenschaft

Fledermäuse sind ein naturwissenschaftliches Archiv, dessen volles Potenzial wir noch gar nicht kennen: Einige Arten werden trotz ihres geringen Körpergewichts über 30 bis 40 Jahre alt und ihr Immunsystem toleriert Viren, die andere Säugetiere schwer erkranken lassen. Die Alterungs- und Immunforschung lernt derzeit grundlegend von diesen Tieren. Wer Fledermäuse schützt, schützt auch diesen Wissensschatz.

Selbst die Technik hat von ihnen gelernt: Das Prinzip der Echoortung wirkt bis heute in Sonar- und Signalverarbeitung sowie in der Medizintechnik nach. Das biologische Vorbild hat Technologien inspiriert, die wir heute selbstverständlich nutzen.

Naturerlebnis und Citizen Science

Nicht zuletzt: Eine Fledermaus-Exkursion mit Bat-Detektor gehört zu den eindrücklichsten Naturerlebnissen, die sich mitten in der Stadt anbieten lassen. Wer einmal das Klicken einer jagenden Zwergfledermaus im Kopfhörer gehört hat, vergisst es nicht mehr. Jeder begeisterte Mitmenschen wird zum Multiplikator – genau das ist Citizen Science, und genau dazu möchte ich mit dem NEXUS-Projekt einladen.

Gesunde Natur, gesunde Menschen: Das „One-Health“-Konzept

Die Forschung zeigt immer deutlicher: Die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt lässt sich nicht voneinander trennen. Genau das beschreibt der moderne wissenschaftliche Ansatz des „One-Health“-Konzepts.

Wenn wir Lebensräume zerstören, Wälder roden und Wildtiere durch Lichtverschmutzung oder Flächenversiegelung immer weiter zurückdrängen, gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken. Tiere werden unter Stress gesetzt und auf engstem Raum zusammengetrieben – die Gefahr von Krankheitsübertragungen steigt.

Schützen wir hingegen die natürlichen Habitate der Fledermäuse, geben wir den Tieren den Raum zurück, der ihrer Bestimmung entspricht. Ein intakter Fledermausbestand hält Insektenpopulationen im Zaum und schützt die Natur. Artenschutz ist somit gelebter Menschenschutz.

Fazit: Schutz durch Verstehen

Die Angst vor Fledermäusen entsteht meist dort, wo das Wissen aufhört. Weil sie im Verborgenen der Nacht leben und ihre Sprache für das menschliche Ohr unhörbar ist, bieten sie viel Raum für Spekulationen.

Mit dem NEXUS-Projekt mache ich diese verborgene Welt sichtbar und hörbar. Doch der wirksamste Schutz für diese faszinierenden Tiere beginnt bei jedem von uns: indem wir hingucken statt wegsehen und Fakten an die Stelle von Mythen setzen.

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